Keine Angst vor Technik – vom realen Kunstwerk zu VR Experience, Teil 1

Hintergrund

Der Kunstmarkt befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Wie viele andere Märkte vor ihm wird er nun stetig digitaler. Das könnte perspektivisch dazu führen, das dem analogen Kunstmarkt weniger Geld zur Verfügung steht, da dies Geld nun in digitale Kunst fließt.

Für den Digitalkünstler sind das gute Nachrichten – er kennt den Markt, die Werkzeuge und dank NFTs kann er seine Skills und Kreativität nun angemessen vermarkten.

Für bisher rein analoge Künstler, die diesen neuen Markt betreten wollen, stellen sich einige Fragen.

Wir werden hier 2 Fragen beantworten, die uns häufig gestellt werden:

  1. wie bekomme ich mein analoges Werk in die digitale Welt um digital weiterarbeiten zu können?
  2. Welche kreativen Räume eröffnen mir digitale Werkzeuge in Kombination mit dem digitalen Zwilling meines Werks?

Der digitale Zwilling

Ein digitaler Zwilling ist nichts weiter als eine fotorealistische Digitalisierung eines Werks in allen 3 Dimensionen. Sprich: ein fotorealistisches 3D Modell.

Wir gehen hier einmal aus ganz großer Flughöhe durch den kompletten Prozess: von der Statue zum digitalen Zwilling.

Wir tun dies am Beispiel eines Werks von Karl Orth.

Karl Orth produziert mit schwerem Werkzeug aus Eisen Statuen mit sehr eigenem Ausdruck.

Man hat den Eindruck, die Durchbrüche und eingefrorenen Bewegungen der Statuen wollen eine Geschichte erzählen. Auch daher eignen sich diese Werke für den digitalen Raum: Im Digitalen lassen sich – abseits von den Gesetzen der Physik und Biologie – Geschichten anders erzählen als in der realen Welt.

Ad Rem

Wir gehen hier den Prozess einmal ganz grob durch:

  1. Fotografie
  2. Erstellung des 3D Modells
  3. Bereinigung des 3D Modells
  4. Texturieren des 3D Modells
  5. Upload auf Social Media.

Die Software die hier zum Einsatz kommt, ist unsere persönliche Präferenz – es gibt andere; wir nutzen diese

Photogrammetrie

Die Methode die zum Einsatz kommt, nennt sich Photogrammetrie. Sie ist so alt wie die Fotografie selber, hat aber in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht.

Hier brauchen wir zuerst: viele Fotos.

Diese werden in eine spezielle Software gegeben, die dann daraus das 3D Modell erstellt

Wir nutzen als Software Reality Capture.

3D Modelle, die durch Photogrammetrie erzeugt werden, bestehen aus Dreiecken – Millionen von Dreiecken.

Diese sind recht unhandlich in der Weiterverarbeitung. Daher ist der nächste Schritt in Reality Capture, die Anzahl der Dreiecke zu reduzieren. Hier ist ein wenig Augenmaß und Erfahrung gefragt: Wie viele Dreiecke brauch dies spezielle Objekt, um alle Details zu behalten? Unser Ausgangsmodell besteht aus ca. 6 Mio Dreiecken – wir reduzieren es hier auf 380.000 Dreiecke.

Das ist viel mehr als wir im fertigen digitalen Zwilling haben wollen – aber wir benötigen die Details für den nächsten Schritt.

Bereinigung

Das 3D Modell kann – abhängig von Menge und Qualität von Licht und Fotos noch etwas rauh wirken.

Im ersten Schritt werden wir es leicht glätten (nur leicht, um nicht die ursprüngliche Struktur zu verlieren) Hierfür nutzen wir das 3D Programm Blender.

Für die Bereinigung von 3D Modellen bietet Blender eine Vielzahl von Werkzeugen an.

Wir erhalten ein deutlich schöneres Modell, dass allerdings immer noch aus Dreiecken aufgebaut ist – in der Computergrafik werden im Allgemeinen aber Vierecke – sogenannte „Quads“ – bevorzugt.

Retopology

Der Prozess das Drahtgittermodell sozusagen „aufzuräumen“ wird als Retopology bezeichnet.

Dies ist ein weites Feld und eine Wissenschaft für sich. Wir begnügen uns hier mit einem automatischen Verfahren und einem Tool namens InstantMeshes.

Also: bereinigtes Modell aus Blender exportieren und in InstantMeshes Importieren.

Dies bereinigte Modell exportieren wir wieder und importieren es zurück in Reality Capture.

Denn nachddem wir mit der Geometrie des Modells zufrieden sind, brauchen wir noch die Texturen – die Farbinformationen, die unser Modell schließlich fotorealistisch machen.

Nachdem Reality Capture die Texturen auf das Modell gelegt hat, schauen wir uns das Ergebnis im Vergleich zum original Foto an:

Wer nun neugierig geworden ist, kann sich einige Modell vom Karl Orth hier in 3D anschauen:

Sketchfab ist das instagram für 3D Modelle und somit ein perfekter Kanal für Bildhauer

Fazit

Wir haben hier kurz den Weg skizziert, wie ein digitaler Zwilling einer physischen Statue erstellt wird. Im ersten Schritt haben wir damit auch erreicht, 3D Kunst auch digital in 3D präsentieren zu können. Ein Foto einer Statue kann diese nicht befriedigend abbilden.

Was die Kosten angeht: jede Software, die wir verwendet haben, ist frei einsetzbar. Lediglich für den Export des Modells aus Reality Capture heraus werden für jedes Modell einmalig Lizenkosten fällig. In unserem Fall waren dies knapp unter 5 Dollar.

Der Einstig für einen Bildhauer in die digitiale Welt ist also kostengünstig gemacht.

Im nächsten Teil schauen wir uns an, was in einem nächsten Schritt mit solch einem digitalen Zwilling angefangen werden kann.

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